Neue Beschaffungsstrategien: Brauchen wir wieder Produktionsstätten in Deutschland?

Frau trägt Papiertasche von ZARA

Ihre Beschaffungsstrategie muss schnell und flexibel auf Marktveränderungen reagieren können.

Kann es sein, dass wir im „Multichannel-Rausch“ das Wichtigste vergessen haben – unser Sortiment?

Es kommt weiterhin darauf an, die richtigen Artikel zum richtigen Zeitpunkt und richtigen Preis im Sortiment zu haben.

Von einer scharf getrennten Sommer- und Wintersaison müßten sich die meisten Modehändler inzwischen verabschiedet haben und denken zumindest in sechs Zyklen. Das erleichtert eigentlich die Budgetverteilung und das Einstreuen zeitpunktgerechter und aktueller Ware. Permanentes Learning aus vorangegangenen Sortimenten kann bei der weiteren Sortimentsentwicklung umgesetzt werden. Sollte man meinen.

Schnäppchenkunden

Doch die Realität in den Einkaufsstrassen, auf den Flächen sieht anders aus. Es entsteht der Eindruck, die Vororders wurden lediglich „besser“ verteilt. Spätestens zum ersten Sale, z. B. dem spring sale wird deutlich, dass es wieder zu viel Sommerware im zumeist kalten Frühling gab. Die Ware hängt schon zu lange wie Blei und muss reduziert werden, genau dann, wenn das eigentliche Geschäft mit den „Fashion Followern“, also der breiten Masse, beginnt. Für Onliner im direkten internationalen Vergleich mag das ein wichtiges Instrument sein, das Vertriebsmodell ist auch ein anderes. Der Kunde auf der Strasse findet das bis heute äußerst irritierend. Zudem kann er die Sale-Schaufenster nicht „wegklicken“ und wird schon zu Saisonbeginn zum Schnäppchenkunden erzogen. Das gilt auch für „Multichannel-Shopper“, denn die Erwartungshaltung des realen look & feel shoppings auf den Flächen ist deutlich emotionaler. Zumindest weiß der Handel nach dem ersten Sale, was vom Kunden nicht angenommen wird und die ersten Trendartikel zeichnen sich in den Bestseller-Statistiken ab. Die höchsten Umsätze zu full price werden schließlich in der Saisonmitte generiert.

Der richtige Artikel

Jetzt gilt es die gewonnenen Erkenntnisse auszuschöpfen und mit der größten Kundengruppe – den Fashion Followern – den Hauptumsatz zu tätigen. Das gelingt nicht ohne Sortimentsstärkung durch gezielte Zukäufe der Trendartikel. Es ist nicht der Preis, der hier den Ausschlag gibt, es ist der richtige Artikel. Hat man hier schon ohne Erkenntnisse zu viel vorgeordert, wird auch diese Saison mindestens „schwierig“.

Das gezielte Inseason Management findet immer noch zu wenig Beachtung, auf Seiten der Hersteller und auf Seiten der Retailer.

Sollte noch Budget vorhanden sein, reicht es nicht aus, zweitklassige Ware aus den Lagerverkäufen abzusortieren, es reicht auch nicht aus, Ware in Europa nachproduzieren zu lassen, mit Laufzeiten von 6-8 Wochen + Transport. Die Türkei ist ein Wackelkandidat geworden, ein Umbruch findet statt.

Es muß daher radikaler gedacht werden, welche Möglichkeiten noch ungenutzt sind, um schnell und auf den Punkt die richtige aktuelle Ware in guter Qualität produziert zu bekommen. Vielleicht kommt dann sogar Produktion in Deutschland wieder ins Spiel?

Ja, die Lohnkosten sind hoch, aber die Abschriftenquoten sind es auch. Klagen wir nicht über mangelnde Frequenz und machen das Online-Business und den Preiskampf dafür verantwortlich? Könnte es aber auch an fehlendem Sortimentsmanagement und schwachen Sortimenten liegen?

Die richtige Ware zur richtigen Zeit

Gerade die Billiganbieter, wie Zara, H&M, Primark, etc. haben genau das: die richtige Ware zur richtigen Zeit – und dann noch billig. Ist es wirklich nur der Preis? Oder sind die Sortimente auch spannender, aktueller und stets geprägt von neuen Impulsen? Das schnelle und flexible Reagieren auf das Marktverhalten war lange das Defizit der Katalogversender. Hier wurde hart gearbeitet, neu und radikal gedacht. Das hat der Stationärhandel nötiger denn je.

Ganz bewußt bringe ich deshalb hier nochmals einen bereits „älteren“ Artikel zur Arbeitsweise von Zara. Aus heutiger Sicht  – immer noch eine Betrachtung wert. https://www.tradegecko.com/blog/zara-supply-chain-its-secret-to-retail-success

Autor: Sylvia Doemer

Foto: Sara Sette / Shutterstock, Inc.