Erfolgreich einkaufen in Asien: Aktuelle Entwicklungen im Global Sourcing des Textil-Einkaufs

Aerial view of Shanghai at night from jinmao building

Teil 1: Interview mit Frau Dr. Barbara Geldermann, Beraterin und Trainerin für interkulturelle Geschäftsbeziehungen für China und Südostasien.

Frau Dr. Geldermann, Sie sind beruflich viel in Asien unterwegs und beraten Unternehmen beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen und Durchführung von Verhandlungsprozessen in Asien. Ihr Blick auf die Textil-Branche ist ein anderer und daher interessieren mich Ihre Einschätzungen ganz besonders.

Beginnen wir doch im 1. Teil mit Ihrer Bewertung der aktuellen Entwicklungen im Global Sourcing Textil im asiatischen Raum.

SD: Wie haben sich Ihrer Meinung nach die Bekleidungsexporte Chinas bis Ende 2016 entwickelt und gab es Verlagerungen in andere Produktionsländer?

BG: Mein Eindruck ist, dass die große Verlagerungswelle der bestehenden Produktion aus China bisher nicht erfolgt ist, andererseits entstehen dort aber keine neuen Kapazitäten für Massenprodukte. Diese werden an neue Produktionsstätten in südostasiatischen Ländern verlagert, wie Kambodscha, das auch langsam eine Rolle spielt und vor allem in Vietnam. Viele Vietnamesen erzählen nicht ohne Stolz, dass man dort z.B. für die großen Sportmarken Schuhe und Sportbekleidung produziere. Dies ist natürlich nur ein Eindruck, den ich auf meinen Reisen und aus den Berichten mit meinen Geschäftspartnern gewonnen habe.

Vietnam, Kambodscha und Bangladesh sind für China in Sachen Bekleidung wichtige Bezugsländer geworden.

Viele Fertigungskapazitäten chinesischer Hersteller sind nach Vietnam verlagert worden, von dort gehen die Erzeugnisse zurück nach China. Die TAL Group aus Honkong hat 600 Mio. $ in der Dai An Industry Zone in der Provinz Hai Duong investiert. Auch investieren Unternehmen aus China und Südkorea große Summen, insbesondere in Fabriken für Garnweberei und –färbung. Jedoch sind Ländern wie Kambodscha und Vietnam bislang noch Kapazitätsgrenzen gesetzt.

SD: Welche Bekleidungssegmente sind besonders betroffen?

BG:Massenware wird verlagert, qualitativ anspruchsvollere Produkte werden weiterhin in China gefertigt.

SD: Was waren die Gründe und wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

BG: Aus meiner Sicht ist China derzeit ein sehr verlässlicher und stabiler Partner, allerdings ist das Lohnniveau gerade in den Ballungszentren wie Perlflussdelta, Yangtse-Region, Shanghai oder Peking auf Westniveau angekommen, je nach Branche sogar noch höher. Die Lebenshaltungskosten in Peking oder Shanghai sind auch höher als in Berlin oder Stuttgart. Vietnam hat dieses Stadium noch lange nicht erreicht und zeigt sich insgesamt als sehr ehrgeizig, mit dem Willen sich im Wachstumswettlaufes Ostasiens sein Stück vom Kuchen zu holen. Bangladesh ist nicht nur aufgrund von niedrigen Löhne beliebt, sondern von dort kann zollfrei in die EU exportiert werden.

Afrikanische Länder könnten künftig auch eine größere Rolle spielen. In Äthiopien gibt es bereits viele chinesische Fertigungsstellen.

SD: In welchen Regionen Chinas wird am meisten produziert? Gibt es innerhalb Chinas Produktions-Verlagerungen?

BG: In den letzten Jahrzehnten konzentrierte sich die chinesische Textil- und Bekleidungsindustrie am Perlfluss- und am Yangtse-Delta, dort sind die Löhne mittlerweile extrem hoch. Seit einigen Jahren propagiert die chinesische Regierung die sogenannte „Go West“ Initiative, es werden Umzüge in die noch günstigen Zentral- und Westprovinzen, wie Xinjiang oder Szechuan, stark unterstützt. In Xinjiang wird 30 % der chinesischen Baumwolle angebaut. Bisher ist der Plan trotz neuer staatlich geförderter Textilindustrieparks nicht aufgegangen.

Weiter geht es im Teil 2 „West trifft Ost“

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